Klaas Reißmann
Es bestätigt mich in meiner (rein persönlichen) Ansicht, dass der Begriff „Art“ oft als viel zu scharf abgrenzend aufgefasst wird.
Da liegst Du falsch in Deiner Annahme, dass der Begriff Art scharf abgegrenzt aufgefasst wird. Es haben sich viele Leute an der Definition des Artbegriffes versucht und sind daran gescheitert. Es gibt keine Definition, die den Begriff Art klar umreißt. Der Begriff Art gilt zumindest unter Biologen als nicht definierbar. Einer der Gründe, weshalb sich hier eine Spielwiese der Eitelkeiten auftut und so manch einer sich selbst beweihräuchert und spaltet oder zusammen fasst. Die Regeln des ICZN akzeptieren nur die Benennung einer Art. Die Benennung von Unterarten, oder gar Formen oder Variationen ist über die Regeln der internationalen Nomenklatur nicht geregelt und vor allem nicht anerkannt. Auch wenn wir mit dem Begriff "Unterart" um uns schmeißen und man eben schon sehen muss, dass innerhalb des Verbreitungsgebietes einer Art sowas wie Unterarten vorkommen und beschrieben werden, weil wir ja auch diese nicht vernachlässigen wollen und schon erkennen, dass es innerhalb einer Art Abweichungen von der Norm gibt, die so konstant sind, dass man hier eben von einer Unterart sprechen kann, ohne sich zum Hampelmann zu machen. Insgesamt werden solche Benennungen auch akzeptiert, weil es eben schon Auffälligkeiten innerhalb einer Art geben kann, auch bezogen auf Formen und Variationen.
Dabei ist die Unterscheidung zwischen Form und Variation klar geregelt. Benennt man eine Variation, ist deren phänotypisches Aussehen genetisch bedingt, während das phänotypische Aussehen einer Form nur auf andere Faktoren zurück zu führen ist. Aber teilweise ist auch hier die Abgrenzung sehr schwer, bis unmöglich. Nehmen wir das Landkärtchen. Jedem, der sich mit dem Thema befasst, sind die Sommer- und die Frühjahrsform dieser Art bekannt. Weniger bekannt ist, dass es in manchen Jahren auch eine Herbstform gibt, die phänotypisch zwischen diesen beiden Standardformen liegt. Die Frühjahrs- und die Sommerform sind so unterschiedlich, dass sie ursprünglich als selbständige Arten beschrieben wurden, bis man erkannte, dass es zur phänotypischen Ausprägung nur durch die Tagesdauer während des Wachstums der Raupen der kommt. Man kann also Frühjahrs- und Sommerform auch künstlich erzeugen. Nimmt man die Raupen, die aus den Eiern der Sommerform schlüpfen, und setzt diese künstlichem Licht aus, das die Tageslängen des Frühjahrs vortäuscht, ich meine 12 Stunden und mehr (ich weiß nicht ob ich die Dauer richtig im Kopf habe), dann erhält man, obwohl eigentlich die Frühjahrsform aus den Puppen schlüpfen müsste, trotzdem die Sommerform. Ebenso umgekehrt, wenn man die Larven vergleichsweise kurzen Tagen aussetzt, also weniger als 12 Stunden, ergibt es immer die Frühjahrsform. Ich halte es nur für sehr schwer, hier den Begriff der Form an Stelle der Variation zu verwenden, umgekehrt aber genau so. Denn zum einen ist diese Reaktion auf Tageslängen aller Voraussicht nach genetisch verankert, wird aber im Endeffekt nur durch abiotische Faktoren ausgelöst.
Gehen wir jetzt einen Schritt höher, kommt es zu phänotypischen Ausprägungen, die man nicht mehr als Form oder Variation bezeichnen kann. Man hat eine Art, deren Aussehen beschrieben ist und Tiere dieses Aussehens, wie beschrieben, zu dieser Art zugehörig bestimmen. Sagen wir, dass die Art anhand von Tieren aus Westeuropa, Niederlande, Belgien, Westdeutschland beschrieben wurde. Folgen wir ihrer Verbreitung nach Osten, fallen z.B. die Tiere ab Polen, Tschechien und weiter östlich auf, weil sie phänotypisch abweichen. Sie haben grundsätzlich das gleiche Grundaussehen, aber es gibt Abweichungen. Nehmen wir einfach mal an, dass die Tiere im Westen rein schwarze Beine haben, die im Osten aber gelbe Schienen aufweisen. Und zwar nicht nur bei einzelnen Tieren, sondern dieses Merkmal ist konstant und alle Tiere zeigen dieses Aussehen. Dann haben wir hier Anhaltspunkte zur Beschreibung von was Neuem. Die Tiere sind aber ganz offensichtlich die gleiche Art. Also wird man hier eine Unterart beschreiben. Nach den internationalen Regeln der binären Nomenklatur nicht zulässig, aber allgemein anerkannt und akzeptiert. Wir haben also zwei Unterarten innerhalb einer Art. Wer sich nun mit dieser befasst und sich Tiere aus allen Bereichen des Verbreitungsgebiets ansieht, wird feststellen, dass es eine Übergangszone gibt, in der sowohl Tiere mit rein schwarzen Beinen, als auch solche mit aufgehellten Schienen zu finden sind. Die Menge der jeweiligen Ausprägung nimmt von Ost nach West, oder umgekehrt, ab, bis man wieder nur noch schwarze Beine, oder eben aufgehellte Schienen hat. ABER..., was mache ich mit den Tieren im Übergangsbereich? Sie zeigen keine Merkmale, die eine Beschreibung einer neuen Unterart rechtfertigen würden, aber sie zeigen auch Abweichungen. Der Einfachheit halber wird der sammelnde Entomologe die Tiere nach der einen oder der anderen Unterart benennen. Aber genetisch haben wir hier undefinierbares Wischi Waschi. Denn alle Tiere tragen genetische Informationen zum einen, wie auch zum anderen Phänotyp.
Jetzt übertragen wir das auf eine Art, den Begriff eine Art zu definieren. Manch einer sagt, dass eine Art klar abzugrenzen ist, über den Weg der Kreuzung. Kreuze ich zwei Tiere, die ich als unterschiedliche Arten betrachte, so können hierbei Jungtiere entspringen. Der Gedanke ist aber, dass diese so genannten Bastarde nicht vermehrungsfähig sind (siehe Esel mit Pferd gekreuzt, ergibt ein Muli, welches nicht vermehrungsfähig ist - das heißt, dass die beiden Arten Esel und Pferd biologisch so weit von einander angegrenzt sind, dass eine Kreuzung unfruchtbare Nachkommen ergibt, aber noch so nahe miteinander verwandt sind, dass eine Kreuzung Nachwuchs erzeugt. Es würde niemand auf die Idee kommen, die Art Pferd, oder die Art Esel als Art in Frage zu stellen. Das Ergebnis ist eindeutig. Aber was machen wir bei Tieren, die ich miteinander kreuzen kann und es kommen vermehrungsfähige Nachkommen dabei raus. Die Vermehrung klappt weiter und weiter, aber irgendwo in der fünften oder sechsten, vielleicht auch zehnten Generation, bricht das Kartenhaus zusammen und auf einmal funktioniert nichts mehr. Dann haben wir wohl zwei Arten, die extrem nahe miteinander verwandt sind, deren biologische Abgrenzung aber schon so weit gediehen ist, dass die Kreuzung auf Dauer nicht funktioniert. Erkenne ich sie als Art an, oder lieber doch nicht und mache zwei Unterarten daraus? Weil erstmal klappt es ja.
Treiben wir das Spielchen noch weiter. Nehmen wir eine Art mit einem großen Verbreitungsareal. Die südwestlichste Population lebt im Süden von Portugal und Spanien und von hieraus ist die Art über Süd-, Mittel- und Nordeuropa, nach Asien und schließlich bis in den äußersten Osten Asiens verbreitet. Nehme ich Tiere aus Portugal und kreuze sie mit Tieren aus Deutschland klappt das wunderbar. Nehme ich Tiere aus Deutschland und verpaare sie mit Tieren aus Bulgarien, klappt das Wunderbar. Nehme ich bulgarische Tiere und verpaare sie mit Tieren aus Ostsibirien, klappt das Wunderbar. Nehme ich Tiere aus Ostsibirien und verpaare sie mit Tieren einer Populationen im östlichsten Verbreitungsareal, klappt das wunderbar. Nehme ich Tiere aus Portugal und verpaare sie mit Tieren aus dem östlichsten Verbreitungsgebiet, geht die Nummer in die Hose. Was mache ich denn jetzt? Wie definiere ich hier den Begriff Art? Ist das überhaupt noch eine Art, oder muss ich zwei draus machen. Es gibt Argumente, die dafür sprechen und welche, die dagegen sprechen. Wat denn nu'?
Und dann kommen noch solche Arten, die in Abgrenzung begriffen sind. Man kann erkennen, dass da wohl eine neue Art entsteht. Aber ab welchem Zeitpunkt habe ich eine neue Art? Die Tiere lassen sich problemlos miteinander verpaaren und erzeugen vermehrungsfähige Nachkommen. Man betrachtet das Spielchen über Menschengenerationen hinweg und sieht, dass da mehr und mehr passiert, aber ab wann kann ich da eine neue Art draus machen? Und anders herum: nehmen wir eine klar definierte Art, sagen wir mal, den Schwalbenschwanz, Papilio machaon. Könnte ich Tiere von vor 1.000 Jahren noch mit heutigen Tieren verpaaren? Oder haben sich die Tiere über die Jahrhunderte genetisch so verändert, dass ich phänotypisch immer noch dieselbe Art habe, aber biologisch nicht mehr von derselben Art sprechen kann? Was mache ich denn jetzt?
Hilft mir die Genetik weiter? Genetische Abweichungen? Mensch und Schimpanse unterscheiden sich im genetischen Code in nur 1% bis 1,3%, aber in Millionen Basen. Der Mensch hat 46, der Schimpanse 48 Chromosomen. Wo setze ich bei Arten die Grenze an? Was reicht, um eine Grenze zu haben, die eine Art klar definiert? Ich denke, dass das Problem als solches klar ist. Es gibt keine eindeutige Definition für den Begriff "Art". Jede Definition hinkt an irgendeiner Stelle.
Klaas Reißmann
Mal abstrakt. Angenommen es gibt eine Population mit Individuen vom Typ PP, PQ, QQ. PQ kann sich erfolgreich mit sich selbst und mit PP und QQ paaren, PP und QQ aber nur jeweils mit sich selbst und PQ. Diese Population würde man zu einer Art rechnen. Jetzt sterben aus irgend einem Grund die PQ Typen aus, es gibt nur noch PP und QQ, die zwar jeweils untereinander, aber nicht mehr gegenseitig paaren können. Dann hätte es man mit zwei Arten zu tun.
Das ist im Prinzip das, was ich oben über ein großes Verbreitungsareal beschrieben habe. Ich denke, dass es nicht ganz so einfach wird, wie Du es beschreibst, aber vom Grundtenor her passt es da rein.
Liebe Grüße
Klaas