Balkenschröter ohne Hinterleib

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    • Balkenschröter ohne Hinterleib

      Hallo,
      vor einigen Tagen abends in der Dämmerung, knurrte und bellte mein Hund als ob ein Grizzly in den Garten gekommen wäre. Kannte ich gar nicht so von ihm, denn wenn ein Igel kommt, wird der Ton eigentlich eher höher und nicht dieses tiefe brummen.
      Nun ja, welche Gefahr da nun lauerte, wollte ich natürlich genauer erkunden.

      Ein Blick aus dem Fenster verriet mir... der Feind ist nicht größer als 3 cm :33:

      So saß der Balkenschröter auf dem Boden (nachgestellt auf einem Balken). Was ich da noch nicht gesehen hatte, ihm fehlte der Hinterleib. Demnach war er also schon als Leckerbissen gestorben.

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      Wegen dem fehlenden Licht wurden nur Bilder mit Blitz einigermaßen scharf

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      Hier nun was ich nicht verstehe. Den toten Käfer habe ich Abends mit reingenommen und 12 Stunden später sah ich das er sich bewegte. Wie kann das, nach 12 Stunden?
      Letzte Zuckungen Video
      LG Elke
    • Hallo Werner,
      einen Hirschkäfer habe ich schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen. Kann mich auch nur erinnern das ihm eine hälfte seines Geweihs (Mandibel) fehlte.
      Balkenschröter sehe ich eigentlich jedes Jahr lebend, dieser war der erste Halbe.

      Leider weiß ich nicht wie man ein Video einbindet, deshalb steht unter dem Beitrag ein Link zum Video.
      Mich würde interessieren, warum er nach 12 Stunden plötzlich Bewegungen zeigt.
      LG Elke
    • Klaas schrieb:

      ein bisschen dazu von mir:

      Die niedere Vegetation des Bienwaldes lässt hier und da zu Wünschen übrig. ABER nur im Wald. Die Wiesen drum herum sind aufregend. Vieles ist auch eine Frage der Methodik. Wir haben den Wald vor ein paar Jahren untersucht und annähernd 4.000 Käferarten hervor gepuhlt, darunter einige Wiederfunde und Neufunde, sowohl für die Region, als auch für Deutschland. Ebenso etliche, hochgradig seltene Arten. Der Bienwald offenbart seine Schätze nicht sofort, aber er hat massenhaft davon (z.B. auch Luchse - um mal was jenseits der Käfer anzuführen).

      Hirschkäfer sind bevorzugte Beute einiger Prädatoren. So holen sich Kolkrabe, Specht und Eule etliche der Käfer, ebenso verschiedene kleine Mader. Der übrig gebliebene Kopf und Halsschild, fehlendes Abdomen, sind typisch für Vögel. Die packen sich den Käfer und reißen ihm den Hinterleib raus, der sperrige Rest wird verschmäht, weil er im Hals stecken bleiben könnte und nicht viel an Nahrung liefert. Kann man bei uns Menschen damit vergleichen, ob man einen Knochen abnagt, oder doch lieber das Steak isst.

      Die Köpfe sind aus meiner persönlichen Sicht als tot zu betrachten. Aber das wird wohl letzten Endes Definitionssache sein. Wir diskutieren ja auch beim Menschen, ob er tot ist oder nicht, während er an der Eisernen Lunge mit allem versorgt wird, sein Hirn aber nicht mehr arbeitet etc. Im Falle des Hirschkäfers, oder Insekten allgemein, fehlt das (Haupt-)Herz, welches im Abdomen etwa mittig im Rücken liegt (ein offener Schlauch, der auf der einen Seite die Hämolymphe aus dem Leib ansaugt und auf der anderen Seite wieder in den Leib rein pumpt, kein geschlossenes System, wie beim Menschen). Des Weiteren fehlt die Atmung, denn die Stigmen, die Öffnung des Tracheensystems, welches die Atmung der Insekten vollzieht, liegen ausnahmslos links und rechts der Abdominalsegmente (jedes Segment zwei Öffnungen). Von hier aus wird die Luft weitestgehend passiv aufgenommen und über das Tracheensystem im Körper verteilt und an die Muskulatur weiter gegeben.

      Der Vergleich ist zwar nicht schön, aber es ist Fakt, dass im letzten Krieg ausreichend Soldaten mit weggerissenem Unterleib noch kurzfristig (einige Sekunden) zu Reaktionen fähig waren. Man kann lange diskutieren, ob sie zu diesem Zeitpunkt noch lebten, oder bereits tot waren, ob Bewegung Leben bedeutet, oder ob Bewegung einfach nur noch eine instinktive Reaktion des Nervensystems ist. Sicher ist aus meiner Sicht, dass diese Soldaten keine Schmerzen mehr spürten, weil es keine Schmerzreaktionen gab. Ob nun, weil die Körper binnen Sekundenbruchteilen mit Endorphinen geflutet wurden, oder weil sie einfach tot waren, lasse ich dahin gestellt. Ähnlich kann man das bei den Torsi der Hirschkäfer hier sehen. Allerdings ist das Nervensystem und vor allem das Gehirn der Insekten weniger differenziert als das der Menschen. Es gibt kein Hirn in dem Sinne, sondern Ganglien, also eine Anhäufung von Nervenzellen, denen man eine Art Funktion als Gehirn zuordnen kann, vermutlich aber eher in der Art wie dem menschlichen Rückenmark, wo man ja zuweilen auch vom zweiten Gehirn spricht.

      Diese Ganglien befinden sich in wirklich jedem Körpersegment, steuern also irgendwelche instinktiven Reaktionen, die aber nichts mit einer echten Hirnfunktion zu tun haben. Das beste Beispiel hierfür ist, wie Werner es beschreibt, die Tatsache, dass die Köpfe auf Berührung reagieren, in dem sie versuchen zu zwicken. Eine Abwehrreaktion, die auch erfolgen würde, würden sie von einem Artgenossen berührt. Im Prinzip kann man meiner Meinung nach sagen, dass hier die letzte Speicherung der Festplatte abgerufen wird. Dazu muss man die vermutliche Vorgeschichte kennen:

      Während der Paarung, die durchaus ein paar Tage dauern kann, sitzt das Weibchen auf dem Saftmal, das Männchen direkt über dem Weibchen und bedeckt den Körper des Weibchens vollständig. Die beiden Käfer paaren sich immer wieder und lecken zwischendurch Saft aus dem Mal. Der Körper des Männchens hat dabei schützende Funktion, ebenso die Wehrhaftigkeit der Männchen. Kommt ein Fressfeind, wehrt sich der Käfer, in dem er mit den Zangen versucht zu kneifen. Das funktioniert vermutlich bei unerfahrenen Beutegreifern sehr gut, bei erfahreneren aber nur bedingt bis gar nicht. Das Männchen wird also in diesem Moment geopfert, während das Weibchen sich einfach fallen lässt und aus der Gefahrenzone kriecht (am Anfang der Saison ist das Verhältnis Männchen - Weibchen 3:1, am Ende nur noch 0,5:1). Das letzte, was das Männchen erlebt hat, war die Attacke, die es gilt abzuwehren. Das ist das, was meiner Meinung nach noch gewissermaßen eingespeichert ist und was der Torso bis zu seinem völligen Ende abruft. Der Meinung bin ich auch deshalb, weil die Kiefer- und Lippentaster keinerlei Reaktionen zeigen, dabei wäre es wesentlich weniger energieaufwändig diese zu bewegen und sie halten im Leben auch kaum still.

      Ich selber habe in meinem Leben auch zuerst die Torsi gefunden. Dabei waren einige, die auf Berührung noch reagierten. Die nahm ich mit nach Hause und stellte fest, dass ein Torso noch über 70 Stunden, nachdem ich ihn fand, leichteste Reaktionen zeigte. Das "Spielchen" geht also recht lange.

      Wenn noch Fragen, dann fragen.

      Liebe Grüße
      Klaas
    • Liebe Elke,
      nun habe ich auch auf der Alm "richtiges" Internet und konnte mir das Video ansehen. Wirklich beeindruckend, dass ein Tier ohne Hinterleib so lebendig wirken kann. Stimmt irgendwie schon, dass man das kaum glauben könnte, wenn man es per Video nicht selbst sehen könnte. Klasse! Danke für's Einstellen.
      Liebe Grüße

      Der Mensch muss sich in die Natur schicken;
      aber er will, dass sie sich in ihn schicken soll.
      Immanuel Kant (1724 - 1804)