• Beobachtungen, Ökologie, Studien, Projekte und einfach schöne Texte :)


    Ein Jahr lang habe ich einen Baum und sein Leben beobachtet. Daraus ist eine Geschichte entstanden.

    Ein Baum - ein Leben

    Oktober

    An einem trostlosen Herbsttag "passte" einfach alles zusammen: viel Stress, komisches Wetter und schlechte Laune. Um mich aufzuheitern, bin ich auf dem Heimweg extra durch den Park gelaufen. Ich hatte das wahnsinnige Gefühl, gleich explodieren zu müssen und ging in schnellem Tempo. Meine Füße bewegten sich von alleine. Ich war voll in meine trüben Gedanken vertieft, als ich plötzlich vor einem Baum stand. Keine Ahnung, wie das geschah. Dieser Baum war abseits vom Weg, direkt am kleinen malerischen See.

    Ein riesengroßer Baum! Ich sah mächtigen, dunkelbraunen Baumstamm, bunte Blätter in den schönsten Herbstfarben... und auf einmal wollte ich gar nicht weiterlaufen. Ich wollte einfach da bleiben und die ganze "böse" Welt vergessen. Die Ruhe, die von diesem Riesen ausging, hat meine Gedanken in eine andere Richtung gebracht. Ich lehnte mich an den Baum an und schaute in den Himmel. Kleine weißen Wolken bewegten sich ganz langsam und widerspiegelten sich im stillen Wasser. Es war so friedlich...

    Ich war aber nicht alleine da. Eine neugierige Nilgans kam auf mich zu und schaute mich so an, als ob sie fragen wollte "Was geht ab?"

    Die Zeit hielt kurz an und schenkte mir ein Lächeln. Es war einfach schön, da zu sein und diesen Augenblick der Stille zu genießen. Danach fühlte ich mich deutlich besser! Und abends zu Hause stellte ich fest, dieser Baum lässt mich nicht mehr los. Die Erinnerung an den schönen Moment der Ruhe heiterte mich auf. Ich wollte diesen Baum irgendwann mal wieder besuchen.

    Januar

    Ich habe mich gefreut, meinen Baumfreund wiederzusehen! Es war nass und kalt. Die schöne Blätterpracht war weg, umso besser kam seine beeindruckende Größe zur Geltung. Diesmal hat er eine Gesellschaft von fleißigen Maulwürfen bekommen. Sie wagten sogar ganz dicht an seinen Wurzeln zu graben. Als ich das gesehen habe, dachte ich mir "Hier ist immer etwas los." Und so kam mir die Idee, diesen Baum durch das Jahr zu begleiten.

    März

    Die Maulwurfshügel, die ich letztens vor dem Baum entdeckt habe, sind mehr geworden. Ich wusste gar nicht, dass die Maulwürfe gar keinen Winterschlaf haben. Sie gehen einfach tiefer unter die Erde und suchen dort nach Nahrung. Wenn man sich intensiv mit der Natur beschäftigt, staunt man immer wieder, wie faszinierend ihre Lebewesen sind.

    Das Maulwurfsleben ist einzigartig und voller Wunder. Allein das, dass der Maulwurf unter der Erde so lange aushalten kann, ist schon phänomenal. Mutter Natur hat ihn mit allem ausgestattet, damit er keine Probleme mit Sauerstoff bekommt. Zwischen den Maulwurfshügeln lagen noch die alten Blätter und Äste. Da habe ich mich gefragt "Welcher Baum ist es überhaupt?"

    Die Blätter erinnerten mich an eine Pappel, aber es gibt mehrere Arten. Welche ist es? "Vermutlich eine Schwarzpappel" überlegte ich mir und plötzlich flog direkt vor meiner Nase ein Zitronenfalter!

    April

    Meinen Baum habe ich schon lange nicht gesehen und dachte mir "Es gibt bestimmt etwas Neues zu entdecken, dort ist immer viel los". Tatsächlich. Die Narzissen zeigten sich in voller Pracht und die Nilgans hat schon eine Familie gegründet. Die Nilgänse sind meistens die ersten, die Nachwuchs bekommen, besonders in milden Jahren.

    Und mein Lieblingsbaum hatte schon die ersten Kätzchen. Also doch eine Pappel! Am Baumfuß blühte ganz gemütlich der blaue Gundermann, umgarnt von wilden Hummeln.

    Ich beugte mich nieder, um sie zu beobachten und entdeckte neben den Wurzeln mehrere Teichfliegen. Diese filigranen Flügel haben mich total fasziniert! Sie erinnerten mich irgendwie an die Fenster einer gotischen Kathedrale. Die Natur ist die beste Designerin, die man sich vorstellen kann! Eine einfache Teichfliege hat Flügel, die im Sonnenschein, wie Mosaikglas glänzen. Alles ist so präzise kreiert, dass die Fliege fliegen kann. Die Flügel sind nicht zu leicht und nicht zu schwer, nicht zu lang, nicht zu kurz, sondern genau richtig für einen Flug.

    Das Design der Natur ist nur ein Teil ihrer unerschöpflichen Genialität. In jeder Kreatur ist alles genau durchdacht: Ergonomie, Konstruktion, Funktionalität, Form, Farbe, auch Duft.

    Mai

    Kurz vor der Blüte, bald wird es "schneien"...

    Juni

    Heute lag der weiße "Schnee" auf dem Boden - die Blütezeit ist vorbei, alle Pappel-Flusen vom Winde verweht.

    Und auf dem kleinen See war ganz viel Betrieb. Zwei Schildkröten, die ich hier noch nie gesehen habe. Nutrias mit vielen Gänsen, Enten und Wasserhühnern. Das Bild wechselte sich ständig und erzählte kleine Geschichten. Alle Tiere waren ziemlich aktiv, sogar die Schildkröten, die sonst wie versteinert da sitzen. Eine unendliche Kommunikation zwischen verschiedenen Tierarten, die alle an einem Ort gleichzeitig waren und diesen friedlichen See belebt haben.

    Als ich versucht habe, das bunte Treiben auf dem Wasser zu fotografieren, huschte direkt vor meiner Linse eine riesengroße Libelle. Sie hatte so viele Punkte, dass ich mich gefragt habe - WO sind ihre Augen?

    Auf dem Weg nach Hause kam mir ein schöner Gedanke - ich habe nicht nur tolle Bilder mitgenommen, sondern auch eine gute Laune, die mir diese Tiere vermittelt haben.

    Oktober

    An manchen Tagen hat man echt das Gefühl - alles läuft schief. Déjà-vu... So war das auch an diesem Tag, meine Laune landete im Keller und das geht bei mir gar nicht. Ich musste etwas dagegen unternehmen. Also bin ich zu meinem Freund Baum gegangen, in der Hoffnung, etwas Schönes zu erleben. Bisher hat das immer gut geklappt.

    Schon von Anfang an hat mich die Rinde des Baumes fasziniert. Die Bewegung der langen Rillen, die Farben, die Strukturen, auch die Haptik. So stand ich da und betrachtete diese ausdrucksstarke Baumhaut. Dabei entdeckte ich die bunten Flechten. Die Farbpalette ist unglaublich! Und nicht nur das, sondern auch das Leben in Symbiose mit verschiedenen Organismen. Sie sind in der Lage, Stickstoff und Kohlendioxid aus der Luft aufzunehmen. Also reinigen die Flechten die Luft und binden CO2. Diese winzigen Lebensgemeinschaften zwischen Algen und Pilzen spielen eine wichtige Rolle im ökologischen Kreislauf der Natur.

    In dem Moment, als ich die Flechten genau beobachtet habe, landete etwas auf der Rinde vor meinen Augen. Eine Schnake! So nah habe ich dieses Insekt noch nie gesehen. Wie leben sie überhaupt? Das hat mich nie interessiert, aber jetzt habe ich etwas entdeckt, dass mich zum Denken angeregt hat. Diese zierliche Beschaffenheit, riesenlange Beine, der unproportionale Körper - eine super Konstruktion, die fliegen und ohne Unfälle landen kann! Dann spielt auch die Schönheit überhaupt keine Rolle mehr - jeder Körperteil hat einen Sinn.

    Ein paar Schritte weiter wartete auf mich die nächste Überraschung - eine seltsame grüne Spinne mit einer Mücke in den "Krallen". Sie sah aus wie Krebs, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Erst zu Hause habe ich erfahren, das war eine Grüne Krabbenspinne. Ich fragte mich, wie sie ihre Beute überhaupt fangen könnte? Diese Spinnenart baut nämlich keine Netze.

    Das war ein schönes Jahr mit vielen interessanten Beobachtungen!

  • Ein sehr schöner Bericht, Lilli. Obwohl, Bericht trifft es nicht ganz. Es ist eine Beschreibung Deines Naturerlebens gepaart mit Achtung, Neugier, Staunen. "Ehrfurcht" und Verbundenheit. Genauso nehme ich die Natur wahr und schöpfe daraus viel Kraft und Freude.

    Die Natur ist die beste Designerin, die man sich vorstellen kann!

    Absolut! Deswegen arbeite ich viel mit einem Grafikprogramm, um mich auch von dieser Seite ein Stückchen anzunähern. Ich hoffe, ich darf mein neuestes Biild mit bei Dir hineinschmuggeln. An der Gestaltung von Bäumen muss ich noch arbeiten...

    Viele Grüße

    Addi

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    "In den kleinsten Dingen

    zeigt die Natur

    ihre größten Wunder."

    Carl von Linné (1707 - 1778)

  • Die schöne Gleditschie

    Herbst. Starker Wind. Kalt. Kleine Straße mitten in der Stadt. Reihenhäuser stehen Seite an Seite. Überall Beton, Asphalt und Steine. Keine Vorgärten, keine Blumen. Keine Bäume, kein Grün.

    Ich gehe die Straße runter, bin zum ersten Mal hier. Huh! Ein starker Windstoß. Und jetzt kommt noch der Regen. Kapuze über dem Kopf, das hilft… hoffentlich.

    Das Wetter wird immer schlimmer. Ich gehe immer schneller. Komisch, eine dunkle Bananenschale liegt direkt auf der Fahrbahn. Hm, da ist noch eine und noch eine…

    Was ist das denn?

    So viele Bananenschalen?!!!

    Das muss ich mir anschauen. Am Straßenende ist alles voll von diesen Bananenschalen, alles dunkelbraun. Also, jetzt will ich das wissen!

    Oha, das sind gar keine Bananenschalen, das sind große, dunkelbraune Schoten, hart wie Leder und von weitem sehen sie aus wie die alten Bananenschalen. Ich hebe meinen Kopf hoch.

    In diesem Augenblick vergesse ich Wind und Regen. Vor mir steht ein großer Baum! Dieser Baum hat keine Blätter mehr, nur die Hülsenfrüchte zieren seine Äste. Die schlanke Linie und natürliche Eleganz haben mich an eine Ballerina erinnert, die ihre Pirouette dreht. So viel Anmut.

    Ein paar Schoten nehme ich mit. Zu Hause erfahre ich – das ist eine Gleditschie (Gleditsia triacanthos). Diese exotische Baumart ist robust, mag viel Sonnenschein und kommt auch gut mit Frost zurecht. Schöne Gleditschie blüht im Sommer und lockt Insekten an, weil sie viel Nektar und Pollen produziert. Also ein Honigbaum.

    UND auch ein - Klimawandelgehölz! Noch nie etwas davon gehört, aber das Wort spricht für sich und braucht eigentlich gar keine Erklärung. Das, was früher „exotisch“ war, hat jetzt eine andere Bedeutung.

    Das war mal im Herbst. Im darauf folgenden Frühling sah ich eines Tages viele kleine Insekten auf der Fensterscheibe. Sie waren schwarz mit kleinen hellen Punkten auf dem Rücken und die Schoten der Gleditschie, die ich gesammelt habe, hatten jede Menge Löcher. Keine Ahnung, was das für Tierchen waren, aber sie haben definitiv die Schoten als Winterquartier benutzt. Und ich habe wieder was gelernt.

  • Im darauf folgenden Frühling sah ich eines Tages viele kleine Insekten auf der Fensterscheibe. Sie waren schwarz mit kleinen hellen Punkten auf dem Rücken und die Schoten der Gleditschie, die ich gesammelt habe, hatten jede Menge Löcher. Keine Ahnung, was das für Tierchen waren, aber sie haben definitiv die Schoten als Winterquartier benutzt. Und ich habe wieder was gelernt.

    Hast Du die Insekten zufällig fotografiert?

    Viele Grüße

    Addi

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    "In den kleinsten Dingen

    zeigt die Natur

    ihre größten Wunder."

    Carl von Linné (1707 - 1778)

  • Liebe Lilli,
    eine schöne Idee, einen schönen Baum übers Jahr hinweg zu begleiten. Das hatte ich mir bei einer Esche in unserer Straße vorgenommen, ich wollte Blatt- und Blütenknospen und die Blätter übers Jahr dokumentieren. Schon beim zweiten Besuch war er abgeholzt worden.

    Liebe Grüße Sabine


    Ich verstehe nicht, dass wir unseren wunderbaren Planeten umbringen,
    aber zum unwirtlichen Mars fliegen wollen.
    Franz Viehböck (*1960, bisher einziger Weltraumfahrer Österreichs)

  • Schon beim zweiten Besuch war er abgeholzt worden

    Das ist mir neulich auch passiert, mit der Hängeulme, die ich hier auch noch gerne porträtieren möchte... Aber es gibt noch so viele andere Bäume!


    Hast Du die Insekten zufällig fotografiert?

    Danke, dass du gefragt hast ;) habe doch die Bilder gefunden, sind aber nichts geworden. Also habe ich gerade recherchiert und siehe da - das ist Megabruchidius dorsalis. Der Asiatische Gleditschien-Samenkäfer (invasive Käferart) kommt wohl aus Ostasien und wurde zusammen mit Lederhülsenbaum (Gleditschie) eingeschleppt.

  • das ist Megabruchidius dorsalis. Der Asiatische Gleditschien-Samenkäfer (invasive Käferart) kommt wohl aus Ostasien und wurde zusammen mit Lederhülsenbaum (Gleditschie) eingeschleppt.

    Danke für Deine Mühe, Lilli. Ein hübsches Kerlchen. Ich werde auf ihn achten bzw. die Schoten genauer ansehen. In relativer Nähe gibt es hier auch Gleditschien.

    Viele Grüße

    Addi

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    Carl von Linné (1707 - 1778)

  • Hallo,

    da das jetzt um sich greift: das sind keine Schoten. Wenn überhaupt, dann Hülsen (die sich allerdings nicht öffnen). Schoten als besondere Form der Kapsel findet man z. B. bei den Kreuzblütlern.

    Viele Grüße

    Ziegelstein

    "Ah, connections, Son. That's the fateful key that Harriet missed, the key to understanding the natural world."

    Father Worm in "There's a Hair in My Dirt! - A Worm's Story" by Gary Larson.

  • ich finde deine Beobachtungen recht spannend. Auch dein Schreibstil gefällt mir sehr gut. Mit Freude habe ich alles durchgelesen.

    Vielen Dank! Das freut mich sehr und motiviert, weiter zu schreiben und meinem Stil treu zu bleiben :)

    +++++

    das sind keine Schoten. Wenn überhaupt, dann Hülsen

    :saint: Immer wieder diese Laien, ne… Sie können nicht mal Schoten von Hülsen unterscheiden.

    Bei Schoten muss ich an Vanille denken.

    Dann gibt es noch Schotten, eine ganz andere Spezies, da kenne ich mich besser aus, als mit Schoten.

    Und bei Hülsen… naja… da denke ich an Munition, komisch nicht…

    Und weil ich keine Ahnung habe, weil blond, ne, frage ich doch lieber die Fachkundigen. In diesem Falle: Bernd Stimm und Steffi Heinrichs. Gleditschie hat auch andere Namen, u.a. Lederhülsenbaum + Schotenbaum. Die Autoren schreiben in ihrem sehr detaillierten Bericht (10 S.) über "vielsamige Schoten".

    Mir ist das egal, Schoten oder Hülsen, alles Banane oder Bananenschale… :)

    Die einen schreien bei diesem Baum – invasiv und schlimm, die heimische Natur ist in Gefahr. Die anderen betiteln Gleditschie als ein Klimawandelgehölz, das uns und die Bienen bereichern kann. Für mich ist es einfach ein interesannter Baum, der mich inspiriert hat!

  • Eine kleine Entführung in die kostbare Welt der Düfte: Aquilaria-Arten

    Oud - der teuerste Duftstoff der Welt - stammt von einer Baumart, die in Burma, Indien, Südostasien und den Philippinen heimisch ist. Die Bäume werden ca. 20 Meter hoch und sind immergrün. Sie sind unscheinbar, aber der Duft des Holzes kann zu einer Goldmine werden, wenn…

    Wenn die Natur ihren Zauberstab ins Spiel bringt, entstehen Wunder, die für uns Menschen unbegreiflich sind. Es braucht nur ein Insekt, das auf seinem Körper eine Pilzart trägt (Gruppe Imperfecti), um das Holz des Aquilaria agallocha zu infizieren und zum teuersten Duftlieferanten der Welt zu machen. Der befallene Baum aktiviert seine Abwehrstoffe, um sich selbst zu heilen, und produziert auf diese Weise das kostbarste Harz, aus dem der Traumduft entsteht.

    Es gibt mehrere Namen für das wohlriechende und eigentlich kranke Holz, u.a. Aloeholz, Agarholz, Adlerholz, Oud auf Arabisch, Gaharu in Asien. Aloeholz wurde noch in der Bibel erwähnt und galt als ein mystischer Räucherstoff. Früher bezahlten Maharadschas enorme Preise dafür und in den arabischen Ländern wird Adlerholz seit Jahrtausenden dank Destillation als Parfüm verwendet.

    Seit kurzem erobert der geheimnisvolle Duft auch die Parfümerien des Westens. Eine begehrenswerte Duftnote, die heutzutage jedem erschwinglich ist. Es gibt unzählige Parfümkreationen für jeden Geschmack: Herren- und Damendüfte, Unisex. Auch die Parfüm-Öle, Kerzen, Seifen sind im Angebot.

    Meine Leidenschaft für Düfte und Geschichte hat mich auch zum Oud geführt. Das echte Oud-Öl ist eine Rarität. Es gibt nur wenige natürlichen Aromen, die so ein komplexes Geruchsspektrum besitzen. Ambra, Moschus und Sandelholz zählen ebenfalls zu den wertvollsten Düften, aber keiner ist so geheimnisvoll, anziehend und spektakulär wie Oud! Das ist eine Legende und viel mehr als nur ein Duft…

    Und hier scheitern sich die Geister. Ein Oud-Tropfen ist ein wenig zäh und gelblich, aber eine unglaubliche Wucht, die man schwer beschreiben kann. Obwohl... für viele ist es nur ein Stallgeruch, man liest das immer wieder. Das ist seltsam, aber mal ehrlich, diese ungewöhnliche Note, die zuerst auf die Nase trifft, möchte auch irgendwie benannt werden. Es ist immer wieder interessant, was uns der Kopf bei bestimmten Gerüchen präsentiert und wie wir darauf reagieren.

    Und so sehe ich die Kamele, die langsam und bedacht das trockene Wüstengras kauen und mich mit ihren sanften Augen anschauen. Das Fell eines Kamels riecht für mich genauso wie ein Oud-Tropfen. Es ist warm und ledrig, ohne Zweifel animalisch. Wenn man die Finger in das Fell steckt, hat man ein unvergleichliches Erlebnis. Zuerst ist es grob, filzig und ein wenig hart, aber dann spüre ich die zarte Weichheit, Wärme… Ja eine Geborgenheit und Etwas, was mich nicht loslassen will...

    So ist es auch mit dieser duftenden Kostbarkeit namens Oud. Es entwickelt sich auf der Haut zu einer fantastischen Geschichte, die erzählt werden möchte. Man muss ihr einfach zuhören können. Und wenn man taub ist, dann hört man nur den Stall...

    Die animalische Duftnote ist immer als erste wahrnehmbar. Nach einer Zeit entwickelt sich der Duft je nach Sorte weiter und kann sich vollständig verwandeln! Es gibt Oud-Öle, die grün oder sogar fruchtig riechen. Aber ein Oud bleibt immer ein Oud und behält seinen unwiderstehlichen Charme durch die lebendige Duftsprache von einzigartiger Animalik, feinem Leder, holzigen Nuancen und würziger Schärfe.

    Echte Oud-Öle haben eine ausgeprägte animalische Note, die sie von anderen Düften unterscheidet und hervorhebt. Genau diese Note schreckt viele ab und gilt als Stallgeruch und genau deshalb versuchen die Parfumeure mit viel Süße dagegen zu wirken. So entstehen pudrige, schwere, opulente Parfüms, die besonders bei den Herren beliebt sind, weil sie angeblich unwiderstehliche Wirkung auf die Frauen haben sollen.

    Aber auch die Blätter von Gaharu haben einen wunderschönen, aromatischen, vibrierenden Duft, der direkt in die fantastische Dschungel-Welt entführen kann! Ein vergleichbares Aroma und die unglaubliche Intensität habe ich noch nie erlebt. Mir reicht schon ein einziges Blatt! Die vorherrschende Note ist grün, aber auch sehr würzig und warm. In der traditionellen asiatischen Medizin ist die Wirkung dieser Blätter schon seit eh und je bekannt und sehr beliebt.


    Aquilaria-Bäume stehen unter Naturschutz und sind vom Aussterben bedroht. Ein Wettlauf zwischen dem Aussterben und dem Wiederaufforsten hat schon begonnen. Ein deutsch-indonesisches Wissenschaftlerteam untersucht, wie man die Baumart retten kann, welche Alternativen es gibt und wie die Zukunft aussehen kann. Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich (u.a. Dr. Claudio Cerboncini) und der indonesischen Universität Mataram entwickeln eine forstwirtschaftliche Methode zur nachhaltigen Produktion. Im Jahr 2019 erschien ein Bericht über die Aquilaria yunnanensis aus Vietnam – eine positive Nachricht für die Nachwelt…

  • Wenn das Leben geht…

    Dezember 2022

    Als ich diesen Baum entdeckte, war es schon zu spät. Er verabschiedete sich gerade von seinem langen Leben. Nur wusste ich das damals nicht.

    Wie oft bin ich an dieser Stelle vorbei gegangen und habe diesen Riesen nicht mal registriert. Erst als er sein Gewand abgelegt hat, konnte ich seine majestätische Gestalt wahrnehmen. Wirklich ein sehr schöner Baum mit viel Charakter - eine Hängeulme.

    Sie hat mich irgendwie total angezogen. Die Rinde, die Bewegung der herabhängenden Äste. Die Ruhe und Kraft, die diese Ulme ausstrahlte. Also habe ich beschlossen, sie im nächsten Jahr zu begleiten.

    Mai 2023

    Ich stellte fest, da passierte nichts. Es gab keine Knospen, keine Entwicklung, kein Leben. Die ganze Rinde unten am Boden löste sich ab, so als würde sie gar nicht dazu gehören.

    Wenn das Leben geht und der Tod eintritt…

    Juni 2023

    Der Baum zeigte sich von einer anderen Seite. Helle Farben setzten einen eigenwilligen Akzent. Die ergraute, anmutige Eleganz, die Leichtigkeit des Jenseits machten aus einem kraftvollen Riesen die sanfte, elegische Schönheit.

    „Auch das Schöne muß sterben!“ Friedrich Schiller „Nänie“

    Dezember 2023

    Eines Tages sah ich das Ende – der Baum wurde gefällt. Er lag zerstückelt neben dem übrig gebliebenen Baumstumpf. Ich habe versucht, die Jahresringe zu zählen, aber nach der 10. Runde habe ich es aufgegeben.

    Februar 2024

    Unter dem Rest der Rinde lebt im Verborgenen eine ganze Stadt voller Lebewesen!

    Wenn das Leben geht und der Tod eintritt, bleibt nur die Erinnerung…

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