Der in den Weiden bohrt

  • Hallo,

    gemeint ist ein Nachtfalter,der Weidenbohrer (Cossus cossus) oder besser seine Raupen.Diese sind die eigentlichen "Bohrer",welche aber auch gern Obstbäume und andere Laubbäume löchern.Das machen sie dort zwei bis vier Jahre,meist nicht zum Vorteil der Bäume.

    In Gestalt der großen,bis zu 9cm langen Raupen kann man diese Falterart im Sommer häufiger beobachten,wenn sie eilig über Wege und Straßen rennen.Die fetten Raupen sind schon recht imposant.







    Die hier machte sich schnell daran,wieder unter die Erdoberfläche zu verschwinden.




    Aber wie sieht nun der Falter dazu aus.Ich hoffte,mal einen unter einer Lichtquelle oder am Zuckerköder zu erwischen.Nie sah ich einen,immer nur die Raupen.

    Manchmal hilft der Zufall oder: Unverhofft kommt oft!

    Bei einer Wanderung enlang eines Bachtales bemerkte ich im Gras etwas Merkwürdiges.



    Tatsächlich ein Falter! Was macht der da im Gras und welche Art mag das sein,habe ich mich damals gefragt.

    Ein ganz frisch geschlüpfter Weidenbohrer war es.Ich setzte ihn vorsichtig auf einen Ast.Dafür bedankte er sich mit einer großen Ladung Flüssigkeit,welche er in meine Hand absonderte.Der Fachbegriff dafür fällt mir gerade nicht ein,aber das sind die Reste der Metamorphose von der Raupe zum Falter.Ein kleiner Tropfen davon ist auf dem folgenden Bild noch zu sehen.



    Mit um die 7cm Flügelspannweite auch ein recht großer Nachtfalter und eben nicht nur Grau. :)





    Ein Männchen mit sehr interessanten Fühlern.



    Und wieder wurde ein lang gehegter Wunsch erfüllt!

    Viele Grüße
    Uwe


    "Leben ist nicht genug" sagte der Schmetterling."Sonnenschein,Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu." (Hans Christian Andersen)






  • Lieber Uwe,

    meinen (fast) neidlosen Glückwunsch zum Fund von sowohl Raupe als auch Falter! Die unglaubliche Größe auch der Imagines kann man im Foto eigentlich gar nicht festhalten, die sind wirklich riesig. Du hast ganz wunderbare, aussagekräftige Fotos machen können! Herzlichen Dank fürs Teilen.

    Der Fachbegriff ist Mekonium, beim Menschen würde man das auch Kindspech nennen, also die erste Ausscheidung des Falters. Wenn man die Raupen findet, dann sind sie auf der Suche nach einem Verpuppungsplatz.


    Ich habe bislang vergeblich gesucht, nach der Verbreitungskarte kein Wunder:

    Schmetterlinge Deutschlands

    Liebe Grüße Sabine


    Ich verstehe nicht, dass wir unseren wunderbaren Planeten umbringen,

    aber zum unwirtlichen Mars fliegen wollen.

    Franz Viehböck (*1960, bisher einziger Weltraumfahrer Österreichs)

  • Ein toller Fund! Die Raupe und gleich dazu auch noch der Falter! Da hast Du wirklich Glück gehabt! Ich kann mir Deine Freude vorstellen! Die Raupe ist allerdings ein ordentliches Kaliber und die Mandibeln sehen so imposant aus wie bei Ameisen. Kein Wunder, dass sie sich damit gut in die Erde wühlen können.

    Laut Verbreitungskarte dürfte ich bei diesem Falter hier mehr Glück haben, obwohl in meinem Bereich ein kleines Stückchen ausgespart ist (was dann hoffentlich nicht Leverkusen ist!).


    Viele Grüße

    Addi

  • Das faszinierende an Weidenbohrern kann auch die Haltung sein. Ich habe in meinen beginnenden Twens mal ein Dutzend Eier von ihnen gekauft, um die Raupen groß zu ziehen. Der liebe Ekkehard Friedrich gibt da in seinem Buch "Handbuch der Schmetterlingszucht" einige sehr schöne angaben zur Zucht. Üblicherweise brauchen die Raupen, wie Uwe Moosfreund schon schreibt, zwei bis vier Jahre für ihre Entwicklung. Die Entwicklungsdauer hängt nicht nur damit zusammen, dass es ein recht imposanter Falter ist, sondern eigentlich viel mehr damit, dass die Cellulose, die er frisst, nur einen sehr geringen Nährwert hat. Stellt Euch vor, ihr esst 10 Äpfel und diese sind aus Pappe. Das füllt zwar den Magen und macht vermutlich sogar satt, aber nicht lange und ihr würdet mit vollem Magen verhungern. Friedrich gibt die Anleitung, in die Zuchtbox einen Bodendecker zu geben, also Erde, die so hoch sein sollte, dass die Raupen sich darin verkriechen können. Auf den Boden legt man eine Scheibe Grau- oder Vollkornbrot und einen halben Apfel. Es ist faszinierend, denn die Larven arbeiten sich tatsächlich durch das Brot und den Apfel durch. Da diese beiden einen sehr viel höheren Nährwert haben, wachsen die Raupen auch vergleichsweise rasend schnell, so dass man nach knapp sechs Monaten die Puppen hat und noch einen Monat später die Falter. Bei der Box sollte man sehr wählerisch sein. Ich nahm damals eine Eisschachtel aus Plastik. Das Ergebnis war, dass die Larven sich durch den Boden genagt haben und ich von den 12 Räupchen nur sieben wieder fand. :(


    Es ist aber das immer wieder gleiche Thema. Wer Raupen findet, sollte sie nicht immer, aber auch mal mit nach Hause nehmen und groß ziehen. Es ist einfach faszinierend zu beobachten, wie sie größer werden und schließlich und endlich ein Falter aus der Puppe raus kommt. Die Verwandlung von einem Tier in ein völlig anderes, die man niemals in Verbindung bringen würde, wenn man es nicht wüsste, ist einfach faszinierend. Ebenso das Strecken der Flügel zu beobachten. Und letzten Endes die Überlegung, dass die Puppe nicht koten kann und der Falter, wie Uwe Moosfreund ja oben schon beschreibt, erst nach dem Schlupf die Stoffwechselendprodukte seiner Verwandlung ausscheidet. Dabei muss man überlegen, dass das Tier, während der gesamten Metamorphose ein +/. großes Giftpaket einlagert, mit dem er zurecht kommen muss, dass es ihn nicht tötet. Und dieses letzten Endes in der Metamorphose im Darm platzieren muss, um es nach dem Schlupf absetzen zu können. Wenn er es neben den Darm setzt, ist es vorbei.


    Einfach klasse, und einfach, wenn auch an verschiedenen Stellen dokumentiert, eine sehr schöne Dokumentation.


    Liebe Grüße

    Klaas

  • Der Fachbegriff ist Mekonium, beim Menschen würde man das auch Kindspech nennen, also die erste Ausscheidung des Falters.

    Liebe Sabine,

    vielen Dank für dein Lob und der Begriffserklärung.


    Wenn man die Raupen findet, dann sind sie auf der Suche nach einem Verpuppungsplatz.

    Eine Beobachtung diesbezüglich hat mich aber schon etwas verwundert:

    An einer kleinen Straße am Ortsrand stehen links Weiden auf einer Wiese,rechts ist ebenfalls nur eine Hecke und Rasen.

    Und jedes Jahr finde ich dort diese Raupen,wie sie immer (!!) von links nach rechts über die Straße rennen.

    Was um Himmels Willen ist denn gegenüber so viel besser zum Verpuppen? :92:

    Einen Meter neben oder direkt in den Wurzeln der Weiden ginge das doch genau so?

    Diese Erscheinung,das "Davonrennen", kann man auch bei anderen Arten beobachten,eine logische Erklärung dafür habe ich nicht.

    Ich nahm damals eine Eisschachtel aus Plastik. Das Ergebnis war, dass die Larven sich durch den Boden genagt haben und ich von den 12 Räupchen nur sieben wieder fand.

    Das die sich sogar durch Plastik fressen können,hätte ich wirklich nicht vermutet. :eek:

    Viele Grüße
    Uwe


    "Leben ist nicht genug" sagte der Schmetterling."Sonnenschein,Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu." (Hans Christian Andersen)






  • Lieber Uwe,

    Was um Himmels Willen ist denn gegenüber so viel besser zum Verpuppen?

    ich weiß es auch nicht. Aber könnte es sein, dass die Wiese zu feucht ist? Oder auf der anderen Straßenseite die Erde lockerer ist, die Raupen graben sich ja zunächst ein. Eine Bildlegende im Lepiwiki

    Cossus cossus - LepiWiki

    sagt "auf der Suche nach passendem Verpuppungssubstrat". Vielleicht liegt darin die Erklärung?

    Liebe Grüße Sabine


    Ich verstehe nicht, dass wir unseren wunderbaren Planeten umbringen,

    aber zum unwirtlichen Mars fliegen wollen.

    Franz Viehböck (*1960, bisher einziger Weltraumfahrer Österreichs)

  • Aber könnte es sein, dass die Wiese zu feucht ist?

    Liebe Sabine,

    nein,dies kann keinesfalls der Grund sein.

    Oder auf der anderen Straßenseite die Erde lockerer ist,

    Es ist eher umgekehrt,links wo die Weiden stehen,ist der Boden auf alle Fälle (zumindest im nahen Umfeld) lockerer.

    "auf der Suche nach passendem Verpuppungssubstrat"

    Die Raupe scheint in der Tat etwas ganz spezielles zu suchen. :91:

    Viele Grüße
    Uwe


    "Leben ist nicht genug" sagte der Schmetterling."Sonnenschein,Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu." (Hans Christian Andersen)






  • Hallo Uwe,

    was für ein großartiges Portrait des Weidenbohrers (Cossus cossus)! Ganz vielen Dank dafür. :thumbup:


    Gern möchte ich noch mit einem "Fun Fact" ergänzen, ich hoffe, dass Du nichts dagegen hast.

    Unter den Elfenbeinschnecklingen gibt es ein paar Arten, deren Geruch man in der Pilzliteratur mit dem von Weidenbohrer-Raupen vergleicht.

    U.a. sind das Hygrophorus eburneus und Hygrophorus cossus - allein schon der Name!

    Wonach riechen denn nun diese Raupen?

    Laut Literatur soll es ein unangenehm essigartiger Geruch mit einer Komponente von faulendem Obst sein.

    Bei meiner einzigen Sichtung einer Weidenbohrer-Raupe habe ich leider vergessen, an ihr zu schnuppern. :(


    Der Mykologe Dr. Hans Haas schrieb einst sinngemäß, dass das Fleisch dieser Pilze einen +/- starken, sehr charakteristischen Geruch ausströmt, der genau dem der Raupe des Weidenbohrers gleichen soll. Ferner meint er, dass derjenige, der eine solche Raupe einmal beriechen konnte, von dieser seltsamen Übereinstimmung stark beeindruckt sein wird!

    Also, nicht vergessen beim nächsten Fund dieser Raupen einen Geruchstest zu machen! ;)


    Abschließend noch ein Foto "meines" Weidenbohrers, wo man sieht, das er bereits fleißig im Holz "gebohrt" hat.



    LG, Nobi

  • Laut Literatur soll es ein unangenehm essigartiger Geruch mit einer Komponente von faulendem Obst sein.

    Bei meiner einzigen Sichtung einer Weidenbohrer-Raupe habe ich leider vergessen, an ihr zu schnuppern.

    Ich habe es bisher ganz bewußt vermieden,sie anzufassen oder daran zu riechen,weil mir das bekannt war. :24:

    Und vielen Dank für deine zusätzlichen Infos.

    Viele Grüße
    Uwe


    "Leben ist nicht genug" sagte der Schmetterling."Sonnenschein,Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu." (Hans Christian Andersen)






  • Sehr spannend finde ich, so rein olfaktorisch, dass man in einzelnen Fällen die Anwesenheit der Raupen schon auf ein paar Meter Entfernung riechen kann. Mir ist es einmal passiert, dass ich an einem Baggerloch entlang ging und schon auf einige Meter Entfernung den Essiggeruch wahr genommen habe, deutlich bevor ich den befallenen Baum fand. Heftig. Die ganze Umgebung. im Umkreis von 10 bis 15 m roch nach Essig. Aber tatsächlich nur einmal in meinem Leben und sonst nie, obwohl ich schon öfter an entsprechenden Bäumen war.


    Liebe Grüße

    Klaas

  • Da werde ich auch einmal drauf achten, ob ich einen Essiggeruch wahrnehme. Weiden haben wir hier einige. Geht die Raupe an spezielle Weiden oder ist sie da nicht wählerisch? Laut Karte müssten sie auf jeden Fall in meiner Gegend vorkommen.

    Klaas Experiment mit der Raupenaufzucht zu Hause klingt sehr interessant! Wahrscheinlich muss man dann als Behältnis aus Glas- oder Plexiglas nehmen...


    Viele Grüße

    Addi

  • Geht die Raupe an spezielle Weiden oder ist sie da nicht wählerisch?

    Also sie scheint nicht so wählerisch zu sein.In meinem Bestimmungsbuch werden Weiden,Obstbäume und andere Laubbäume genannt.


    Wahrscheinlich muss man dann als Behältnis aus Glas- oder Plexiglas nehmen...

    Panzerglas,mindestens 5cm dick! :D

    Viele Grüße
    Uwe


    "Leben ist nicht genug" sagte der Schmetterling."Sonnenschein,Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu." (Hans Christian Andersen)






  • Moin, Adelheid,

    Geht die Raupe an spezielle Weiden oder ist sie da nicht wählerisch?

    Löse dich von den deutschen Namen, die nur selten eine bestimmte Nahrungspflanze der Raupen suggeriert. Der Weidenbohrer ist polyphag und geht an zahlreiche Gehölze:

    Cossus cossus - LepiWiki

    Punkt 10.2

    Liebe Grüße Sabine


    Ich verstehe nicht, dass wir unseren wunderbaren Planeten umbringen,

    aber zum unwirtlichen Mars fliegen wollen.

    Franz Viehböck (*1960, bisher einziger Weltraumfahrer Österreichs)

  • Löse dich von den deutschen Namen, die nur selten eine bestimmte Nahrungspflanze der Raupen suggeriert.

    Stimmt, vielen Dank! Das hatte ich aus den Augen verloren! :33:

    Das nächste Mal schaue ich dann erst einmal in der entsprechenden Artbeschreibung nach...!


    Viele Grüße

    Addi

  • Liebe Adelheid,

    Löse dich von den deutschen Namen, die nur selten eine bestimmte Nahrungspflanze der Raupen suggeriert.

    Da habe ich aber Stuss geschrieben, aber du hast es trotzdem verstanden. Richtig hätte es heißen müssen: Löse dich von den deutschen Namen, die zu oft fälschlicherweise eine Nahrungspflanze der Raupen suggerieren.

    Liebe Grüße Sabine


    Ich verstehe nicht, dass wir unseren wunderbaren Planeten umbringen,

    aber zum unwirtlichen Mars fliegen wollen.

    Franz Viehböck (*1960, bisher einziger Weltraumfahrer Österreichs)

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